Kolumnen und andere Weisheiten
Meine Kolumnen erscheinen seit 2004 alle 14 Tage unter dem Titel „Pampers statt Palmen“ in der Oldenburgischen Volkszeitung und in der Münsterländischen Tageszeitung.
In der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung bin ich unter dem Kürzel (ser) in der “Lüttjen Lage” zu finden.
Ich schreibe über Turnschuhe und Rotwein …
Wenn Sie die Serie Sex and the City kennen, werden Sie wissen, dass das Leben als Kolumnistin beneidenswert ist. Allerdings ist es schon recht lange her, dass ich Nacht für Nacht mit meinen Freundinnen durch die Szeneclubs und Betten der Großstadt gewandert bin, um aktuelle Themen für die nächste Kolumne zu finden. Deshalb schreibe ich über den Rotwein vom Aldi und die Fernsehgewohnheiten meiner Yogalehrerin …
… und über Atom
Seit Jahren baue ich das Thema Atom in meine Kolumnen und Bücher mit ein. 49 Tage vor Fukushima kommentierte ich auf einer Lesung in der Lagerhalle Osnabrück:
„Komisch, dass hierzulande atompolitisch einfach nichts passiert. Obwohl, wenn in Sachen Atom bei uns oder sonst irgendwo auf der Welt was passieren würde, dann wäre es mir auch wieder nicht recht.“
Schaffen Sie Fakten. Wechseln Sie zu einem der vier Anbieter Deutschlands, die Sie (im Gegensatz zu den Bio-Strom-Aktionen der großen Energiekonzerne) wirklich atomstromfrei versorgen. Der Wechsel ist schnell, einfach und unbürokratisch.
Nähere Informationen unter:
www.atomausstieg-selber-machen.de/stromwechsel.html
Szenestadtteil
HAZ, 13. September 2011
Gestern hatte ich Besuch aus Linden. Falls Sie ebenfalls dort wohnen, werden Sie wissen, welche Überwindung es die beiden gekostet haben muss, ausgerechnet zu mir in die Südstadt zu kommen.
„Ich weiß nicht, wie du das hier aushältst“, höhnte mein Besuch. „Bei euch sind selbst die Fleischerfachverkäuferinnen verbeamtet, oder?“ Statt zu widersprechen lächelte ich nur still vor mich hin, denn was andere nicht wissen: Wir Südstädter tun nur so brav. In Wahrheit geht hier die Post ab.
Im Hinterzimmer der Reinigung zum Beispiel treffen sich dreimal wöchentlich die jungen Mütter zum Pokern. Und hinter dem unscheinbaren Schaufenster mit dem Aufdruck „Pediküre. Termine nach Vereinbarung“ verbirgt sich nicht etwa eine Dame mit Hornhautraspel, sondern der Probenraum der Band „Fußpflege 24“. Die Jungs sind ja zurzeit total angesagt. Jeden zweiten Donnerstag treten sie zur „Spießer‘s Night“ im Kulturzentrum „Gesundheitsamt“ auf.
Und auch ansonsten wimmelt es an jeder Ecke von Freaks, Denkern und Poeten. Künstlervolk zieht es eben von Natur aus in den Süden. Das war schon bei Persönlichkeiten wie Van Gogh so. Hier bei uns sind die Mieten eben noch bezahlbar. Und damit das auch so bleibt, geben wir uns alle Mühe, unser Langweilerimage auch beizubehalten.
Deshalb habe ich, als mein Besuch kam, schnell die Wasserpfeifen weggeräumt und mein Kehlkopf-Pircing unter einem biederen Rollkragenpulli versteckt. Und statt die Reste vom finnisch-westfälischen Sushi-Gratin aufzuwärmen, habe ich den beiden lieber gute deutsche Hausmannskost vorgesetzt.
Sicher ist sicher, denn wenn der Rest von Hannover wüsste, was hier wirklich abgeht, dann würden sie alle herziehen. Und das wäre dann wohl das Ende der Südstadt als Geheimtipp und Szenestadtteil, gell?
Rein rechnerisch
OV, 19. März 2011
„Mama, kannst du mir bei Mathe helfen?“, jammert Josefine und reicht mir ihr Rechenheft. Da steht: „Seit 1975 wurden in deutschen Atomkraftwerken 20 offizielle Zwischenfälle gemeldet. Die Dunkelziffer ist eine unbekannte Größe. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass es auch ohne Erdbeben oder Terroristen zu einem Atomunfall in Deutschland kommt?“
Ich setze mich zu ihr. „Also“, erkläre ich. „Wahrscheinlich passiert nix. Wahrscheinlich fliegt kein Terrorist nach Biblis. Wahrscheinlich gibt es kein Erdbeben in der Region Brunsbüttel. Deshalb lautet das Ergebnis: Augen zu und durch. Schreib das hin.“
„Versteh ich nicht“, jammert Josefine und kaut am Füller. „Ich eigentlich auch nicht“, gebe ich zu und seufze. Immerhin leben wir in einem Land, in dem mit schöner Regelmäßigkeit die ICEs ausfallen, sobald die Sonne scheint oder die Temperatur unter Null fällt. Da fällt es schwer zu glauben, dass unsere Techniker so etwas wie die Kernspaltung im Griff haben. Aber vielleicht sind alle hochintelligenten Wissenschaftler in den Kernkraftwerken versammelt und für die Wartung der Deutschen Bahn bleibt einfach keiner mehr übrig?
Keine Sorge, Josefine. Unsere Atommeiler sind unwahrscheinlich sicher. Das sind schließlich die alten Modelle von 1975 und damals hat man ja noch Qualitätsarbeit gemacht. Früher war halt alles besser. Vor allem rund um Fukushima.
Laster
OV, 19. 2. 2011
Lehrer haben ja immer frei, das wissen wir alle. Bei Lehrern im Ruhestand sieht das allerdings anders aus. Die sind rund um die Uhr beschäftigt. „Ich hab’s schriftlich“, beschwert sich meine Mutter und klopft auf die Entlassungsurkunde meines Vaters. „Du bist im Ruhestand!“ „Schon, aber ich habe nicht gesehen, dass da was von Ruhe stand“, verteidigt er sich und sucht sich neue Aufgaben: Die „Lohner Tafel“ zum Beispiel oder Kuchenbacken mit seinen Enkelkindern.
Meine Schwester versucht zu vermitteln. Schließlich hat sie extra jahrelang Theologie studiert, um ihrem Vater in dieser extrem abenteuerlichen Lebensphase seelisch beistehen zu können. „Du machst so viel für andere. Aber denkt auch mal an dich. Jeder Mensch braucht auch mal ‘n Laster.“
Und tatsächlich, diese Form der Seelsorge wirkt. „Ich brauch ‘n Laster…“, murmelt er und macht sich auf die Suche. Beim Transportunternehmen um die Ecke wird er fündig: Ein Kühlauflieger mit 460PS und 40 Tonnen. Mit dem kutschiert er jetzt junge Hühner durch die Gegend.
Ich will auf keinen Fall über Laster lästern. So ein Transporter ist faszinierend. Das Teil fährt mit Geflügelfett. Das heißt, wenn in Lohne fette Gänsekeulen eingeladen werden, dann liefern die in Amsterdam magere Putenschitzel aus. Das geht ja heute alles voll automatisch. Die Lehrer, äh – Fahrer, müssen gar nichts mehr tun. Die ham dann frei. Kein Wunder, die ham ja immer frei.